- ein paar aufbauende Worte an die Eltern unserer Oberstufenschüler
von Dr. D.v.Elsenau
Als ich im Jahr 1972 mein Abitur machte, schienen sich außer mir und meinen Schulfreunden und Mitabiturienten kaum andere Menschen darüber Gedanken zu machen, welche Schwierigkeiten der nun folgende Übergang in eine neue Lebens- und Ausbildungsphase machen könnte. Es schien alles sehr übersichtlich und klar zu sein. Wir wollten Lehrer, Richter, Arzt oder Ingenieur werden. Und wo wir das studieren konnte, das wussten wir. Unsere Eltern, wie die meisten Eltern der Abiturientinnen und Abiturienten, die in den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts ihre Kindheit erlebt hatten, hatten selbst studiert und konnten ihre Erfahrungen – wenn auch nicht selten in Form von Anekdoten a la' „Feuerzangenbowle" – an Ihre Kinder weitergeben. Erst an der Uni merkten wir dann, dass die Erfahrungen unsere Eltern nur noch sehr bedingt für unsere eigene Orientierung taugten. In wesentlich verschärfter Form gilt diese Erkenntnis für die heutige Generation der Studierwilligen.
Einerseits ändern sich die Bedingungen und internen Abläufe eines Studiums durch die vielfältigen Reformen im Hochschulbereich genauso rasant wie die allgemeinen Rahmenbedingungen des studentischen Lebens. Andererseits ist die Schülerschaft an unseren Schulen mit gymnasialer Oberstufe in den letzten Jahrzehnten erfreulicher Weise zunehmend heterogener geworden, so dass viele Eltern keine eigene Hochschulerfahrung haben.
Darüber hinaus stellen sich neben der fachlichen Orientierung (welches Studienfach, welche Hochschule) noch ganz andere Fragen, die es zu klären gibt, z.B. auch die Frage der Finanzierung eines Studiums. Dies ist zwar aufgrund der weggefallenen Studiengebühren in den meisten Bundesländern wieder einfacher geworden, nichtsdestotrotz ist ein Studium mit Kosten wie Miete, Lehrmaterial etc. verbunden, die aufgebracht werden müssen.
Die Phase, in der Sie sich und Ihre Kinder im Moment befinden, erhält dadurch eine ganz besondere Bedeutung, dass nach wie vor die Studienwahl einer der entscheidendsten Prozesse im Leben eines jungen Menschen ist. Wenngleich Umorientierungen und Neuorientierungen im Leben immer wieder möglich und zum Teil auch notwendig sind, so sind Umwege im Studium selten – wenngleich durch eine chinesisches Sprichwort nahegelegt - der kürzeste Weg, um zu Ziel zu kommen, sondern bergen die ernsthafte Gefahr, in einer persönlichen Sackgasse zu landen. Nicht nur unter volkswirtschaftlichen Gesichtspunkten sollte also das Thema der Studien-/Berufswahlorientierung einen hohen Stellenwert haben.
Welche Herausforderungen und Orientierungsprobleme haben unsere Schülerinnen und Schüler heute zu bewältigen?
- Sie sollen Entscheidungen treffen, die sich auf ein System beziehen, welches Ihnen weitestgehend unbekannt ist und das sich erheblich von dem unterscheidet, was sie bisher erlebt haben, das allein schon durch seine räumliche Größe und Unübersichtlichkeit Schwellenängste auslöst.
- Gewohnt sind sie klare Laufbahnstrukturen, übersichtliche Lerngruppen und zuverlässige und erprobte soziale Strukturen und Ritualisierungen, die sich natürlich in den Hochschulen in dieser Form nicht wiederfinden lassen.
- Diese grundsätzlichen Probleme werden ergänzt durch ein vielfältiges und ständig steigendes Angebot an Studienmöglichkeiten. Laut „www.hochschulkompass.de" bieten in unserer Republik im Moment 355 Hochschulen insgesamt 8.872 Erststudiengänge und zusätzlich noch 4.698 weiterführende Studiengänge, also rund 13.500 Studiengänge, an.
- Dieses schon zahlenmäßig völlig unübersichtliche Angebot wird noch undurchsichtiger, wenn man berücksichtigt, dass sich die einzelnen Studiengänge nur sehr bedingt vergleichen lassen, da sie sich vor allem hinsichtlich der Abschlüsse, des Praxisbezugs, des Lehrangebots sowie zahlloser weiterer Aspekte unterscheiden.
- Die Entscheidung für ein Studium ist gleichzeitig auch die Entscheidung für einen Studienort. Hier stehen heute 165 Studienorte zur Auswahl.
- Angesichts all dieser Herausforderungen sind Hochschule, Schule und Eltern gleichermaßen gefragt, ihren Beitrag zur Verbesserung der Orientierungsfähigkeit unserer zukünftigen Studentinnen und Studenten zu liefern.
Wie können Eltern ihre Kinder bei der Studien- und Berufswahl unterstützen?
Sehr erfreulich ist es, dass heute Eltern vermehrt ihre Kinder bei der Studienwahl unterstützen. Sie engagieren und informieren sich, damit alles Notwendige für eine „gesicherte" Zukunft ihrer Kinder in die Wege geleitet werden kann. Manchmal kommen auch eigene Wünsche und Sehnsüchte mit ins Spiel, wenn es darum geht, das Studienfach oder den Studienort auszusuchen. Nostalgie und Schwelgen in eigenen Erinnerungen und Erfahrungen sind dabei aus meiner Sicht völlig legitim, primär jedoch sollten Studienwunsch, Fähigkeiten und Begabungen, Motivationslagen und Perspektivplanungen des Kindes im Mittelpunkt der Entscheidung stehen.
Aus meiner Erfahrung als Lehrer und Schulleiter, aber auch als Vater zweier studierender Kinder, können Eltern können ihren Kinder bei der Suche nach dem richtigen Weg und dem richtigen Studium besonders dadurch helfen, dass sie da sind, dass sie sie begleiten, mit ihnen im Gespräch kommen und bleiben, um ihnen insbesondere bei dem gleichermaßen heiklen wie notwendigen Prozess der Selbstreflexion zu helfen. Dabei hat sich meiner professionellen und elterlichen Erfahrung nach ein Antiblockier-System bei der Beratung der eigenen Kinder – kurz ABS – sehr bewährt:
A für Augenhöhe und Geduld
B für Beratung und Tests
S für Stützen und Loslassen
Sollten die folgenden Ausführungen in ihren Ohren sehr schulmeisterlich klingen, so bitte ich das bereits im Vorhinein zu entschuldigen und meiner beruflichen Borniertheit zuzuschreiben.
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Augenhöhe und Geduld
- Starten Sie das Gespräch auf Augenhöhe, signalisieren Sie Interesse, fragen Sie nach den Wünschen und Vorstellungen des Kindes. Nehmen Sie Berufswünsche Ihres Kindes ernst, auch wenn sie auf den ersten Blick absurd scheinen. Fragen Sie nach den Gründen. Das „Warum" führt häufig zu reelleren Alternativen.
- Schulfächer, die Freude oder Schwierigkeiten bereiten, sind ein weiterer Anhaltspunkt. Aber auch Hobbys und Freizeitaktivitäten lassen Rückschlüsse zu, für welche Berufsfelder Interesse vorhanden ist.
- Sprechen Sie offen über Vor- und Nachteile bestimmter Berufe; aber: versuchen Sie, sich mit einer Wertung zurückzuhalten.
- Aus eigener leidvoller Erfahrung kann ich Ihnen sagen, dass hierbei der Faktor „Geduld" der Schlüssel zum Erfolg ist.
- Schlagen zwei oder sogar mehr „berufliche" Herzen gleichzeitig in einer Brust, muss der Jugendliche sich zunächst einmal darüber klar werden, für welchen Beruf das Herz stärker schlägt. Das klappt nur über eine intensive Auseinandersetzung mit sich selbst. Nur so lassen sich die eigenen Werte, Ziele und Fähigkeiten besser bestimmen. Wie wichtig ist mir Karriere? Geld? Sicherheit? Familie? Zeit? Status? Um hierauf eine Antwort zu bekommen, ist es wichtig, dass die Eltern zu dieser inneren Auseinandersetzung anregen.
- Darüber hinaus ist es sinnvoll, der Theorie auch Taten folgen zu lassen, sprich praktische Kenntnisse in den jeweiligen Berufen zu erwerben, durch Praktika oder Ferienjobs.
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Beratung und Tests
- Wertvoll bei der beruflichen Orientierung sind Gespräche mit Eltern, Freunden, Bekannten oder Lehrern über deren berufliche Erfahrungen. Die Schülerinnen und Schüler bekommen so eine Einschätzung zu Anforderungen und Inhalten verschiedener Berufe. Aus Erfahrungsberichten anderer können sie außerdem erkennen, ob sie sich für den Beruf interessieren.
- Außerdem erhält man bei den Berufsberatern in persönlichen Gesprächen Antworten auf alle Fragen. (Sie können Ihren Nachwuchs gerne begleiten – natürlich nur, wenn er es wünscht!). Die Berufsberaterinnen und Berufsberater für akademische Berufe dort beantworten offene Fragen rund um Beruf und Zugangswege und geben wertvolle Tipps.
- Auch Hochschulen und private Institutionen bieten Beratungen und Berufsfindungsworkshops an, die bei der Suche nach den eigenen beruflichen Vorstellungen behilflich sein können.
- Nicht zuletzt stellen Eignungstests eine gute Möglichkeit dar, sich über die eigenen Stärken und Schwächen bewusster zu werden und können so eine zusätzliche Entscheidungshilfe sein – die hinzugewonnene Klarheit hilft eventuell auch, neue Denkansätze zu schaffen.
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Stützen und Loslassen
- Grundsätzlich sollten Sie Ihrem Kind zeigen, dass, egal für welchen beruflichen Weg es sich entscheidet, es immer auf Ihre Unterstützung bauen kann. Denn es ist unverzichtbar notwendig, dass Sie als Berater und Unterstützer Ihren Kindern den Rücken stärken.
- Dies gilt insbesondere, wenn junge Leute die Erfahrung machen, dass es mit dem ersten Berufswunsch nicht auf Anhieb klappt, da sie z. B. am geforderten Abiturdurchschnitt scheitern. Gerade in solchen Fällen muss der aufkommenden Panik mit einem kühlen Kopf und Alternativen entwickelt werden. Nicht immer muss sofort „umgesattelt" werden, denn vielleicht bieten sich ja auch Überbrückungsmöglichkeiten an. Neben dem Abiturdurchschnitt wird nämlich auch die Wartezeit bei der Zulassung zu einem Studienfach in die Berechnung mit einbezogen. Die lassen sich z.B. in Form von einem Freiwilligen Sozialen Jahr, einem Au-pair-Aufenthalt im Ausland oder weiterer Praktika sinnvoll füllen.
Hindernisse, Rückschläge, Durststrecken können nicht von vornherein ausgeschlossen werden. Der bedingungslose Rückhalt in der Familie ist und bleibt deshalb unverzichtbar. Gleichzeitig ist es aber für uns Eltern notwendig, sich zurückzuhalten und loszulassen. Nach meiner eigenen Erfahrung stellt dieser Spagat allerdings eine der größten Herausforderungen dar.
(Auszüge aus der Ansprache des Sprechers des Arbeitskreises „Dortmunder Hochschultage" Dr. Detlef v. Elsenau an Dortmunder Eltern aus Anlass des Start der Woche der Studienorientierung in Dortmund am 16.Januar 2012)



