Der positiven Wirkung dieser Formulierung kann sich wohl kaum einer von uns entziehen; es sei denn, er befindet sich bereits wieder in den ideologischen Gräben der schulpolitischen Diskussionen der 70er und 80er Jahre des letzten Jahrhunderts - und zwar auf der Seite der Gegner dieser Forderung.
Der Begriff der Gemeinsamkeit löst bei uns Menschen geradezu reflexartig ein Wohlfühlgefühl aus, werden doch Assoziationen wie Harmonie, Spaß, Schutz, Lastenteilung, Leistungssteigerung usw. ausgelöst. Diese überaus positive emotionale Wirkung der Vokabel „gemeinsam“ scheint - gerade wenn sie mit dem Wort „lernen“ verbunden wird - kaum Platz für kritische Distanz zu lassen.
Kritiker, die die Selbstverständlichkeit der Forderung nach längerem gemeinsamem Lernen und deren Richtigkeit in Zweifel ziehen, werden in aller Regel als pädagogische Dinosaurier verunglimpft, die einem hierarchisch gegliederten Schulsystem, das seine Wurzeln im vorletzten Jahrhundert hat und damit völlig veraltet ist, nachhängen.
Ich werde mich an derlei Auseinandersetzungen nicht beteiligen. Vielmehr möchte ich meinen Beitrag zur Entideologisierung der aufkommenden Debatte leisten und einige Thesen zum gemeinsamen Lernen zur Diskussion stellen, die meiner Wahrnehmung und Blickrichtung als Erziehungs- und Gesellschaftswissenschaftler entspringen. Es geht mir also angesichts einer zunehmend intensiver werdenden Diskussion um die Schulstruktur in unserem Land nicht um die Verteidigung der einen oder anderen parteipolitischen Position. Es geht mir um die pädagogische Positionierung unserer Schule und die Würdigung dessen, was wir als Gymnasium bereits heute zur Förderung unserer Schülerinnen und Schüler beitragen.
Die Auseinandersetzung mit der Forderung nach längerem gemeinsamem Lernen muss zunächst einmal die verschiedenen Ebenen der komplexen Thematik deutlich auseinander halten. So liegt zum Beispiel der Gerechtigkeitsaspekt auf einer völlig anderen Ebene als etwa der Lernerfolgsaspekt. Beide Ebenen finden sich aber immer wieder undifferenziert nebeneinander in vielen Beiträgen zum vorliegenden Thema.
Darüber hinaus werden häufig Ursachenzusammenhänge konstruiert, die der großen Vielfalt der Einflussfaktoren menschlichen Lernens nicht einmal ansatzweise gerecht werden.
Dass z.B. die beiden genannten Aspekte „Gerechtigkeit“ und „Lernerfolg“ etwas mit der Schulstruktur zu tun haben, wird zwar gebetsmühlenartig immer wieder behauptet, bleibt aber wissenschaftlich unbewiesen und ist nach meiner Meinung auch gar nicht schlüssig beweisbar.
Meine Absicht ist es, in den kommenden Wochen und Monaten an dieser Stelle einzelne Thesen zum Themenbereich „Längeres gemeinsames Lernen“ zu formulieren und zu erläutern. Dieses geschieht notwendig in zugespitzter Form.
1. These: Die starke Betonung der „Gemeinsamkeit“ von Lernen verstellt den Blick auf die Grundbedingungen menschlichen Lernens.
Die Notwendigkeit des Lernens hat letztlich nur eine einzige Ursache. Nur ein kleiner Bruchteil der Informationen, die wir zum Überleben benötigen, erhalten wir auf dem genetischen Weg. Und das ist auch gut so. Die sich ständig verändernden Lebensbedingungen erzeugen einen hohen Anpassungsdruck, dem wir nicht standhalten könnten, wenn wir nur auf genetisch zementierte, altbackene Wissensdepots zurückgreifen müssten. Vielmehr basiert unsere große Anpassungsfähigkeit zum größten Teil auf „frischem“ Wissen, das von jedem Einzelnen neu erworben, verarbeitet und angewendet werden muss. Dazu ist unser Gehirn prinzipiell in der Lage. Leider erfordert die langfristige Speicherung von Informationen, dass sich Gehirnzellen dauerhaft miteinander verknüpfen. Diesen Gefallen tun sie uns aber nur dann, wenn wir z.T. erhebliche Energie aufwenden. Das Englischbuch unter dem Kopfkissen wird vielleicht dazu führen, dass wir morgens mit Kopfsschmerzen aufwachen, aber definitiv nicht dazu, dass wir die Vokabeln können.
Lernen ist somit grundsätzlich mit Anstrengung verbunden. Und die Anstrengung muss jeder Einzelne für sich ganz allein leisten. Es ist nämlich für mich selbst völlig unerheblich, ob meine Freund oder die ganze übrige Klasse die Vokabeln kann, das Wissen der anderen nutzt mir letztlich gar nichts, wenn ich es nicht selbst in einem Prozess der Investition von Anstrengung gelernt habe.
Wenn mir diese Verausgabung von Energie auch noch Spaß macht, verbessert das meinen Lernerfolg deutlich. Als Lehrer werde ich also immer darauf aus sein, dass meine Schülerinnen und Schüler möglichst viel Spaß an der jeweiligen Thematik und den einzelnen Lerninhalten haben. Leider wird es mir aber nicht gelingen, bei allen und immer den gleichen Spaß am Lernen zu erzeugen. Auch gibt es wichtige Inhaltsbereiche, die vielen Menschen überhaupt keinen Spaß machen. Sie müssen dennoch gelernt werden.
Es muss allen immer wieder klar sein: Lernen ist ein notwendig individueller Prozess. Spaß am Lernen ist überaus hilfreich und anzustreben, aber nicht die Bedingung für Lernen. Die Bedingung für Lernen und Lernerfolg ist die Anstrengung des Einzelnen.
Wenn die Forderung nach „gemeinsamem“ Lernen diese wichtige Erkenntnis ausblendet oder unscharf werden lässt, dann wird sie höchst kontraproduktiv. Nach meinen eigenen Erfahrungen als Lehrer wie auch als Vater beruht bei einer großen Anzahl von Schülerinnen und Schülern ihr mangelnder Lernerfolg u.a. darauf, dass diese Einsicht in unserer Spaß orientierten Eventgesellschaft zunehmend verloren geht und unbedingt wieder auf die Tagesordnung der pädagogischen und bildungspolitischen Diskussion gehört.
In meinem nächsten Blog möchte ich auf die Chancen von Gruppenlernprozessen, wie sie sich aus meiner Sicht gestalten, eingehen.
Dr. D. v. Elsenau
Dortmund im November 2010



