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Heinrich-Heine-Gymnasium

Dortmund

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Auszüge aus der Ansprache des Schulleiters im Rahmen der feierlichen Entlassung der Abiturientia 2010

Liebe Abiturientinnen und Abiturienten,

48 Schülerinnen und Schüler erhalten gleich das Zeugnis der Allgemeinen Hochschulreife. Alle zum Abitur Zugelassenen haben die Prüfungen bestanden.

Erlauben Sie mir zunächst ein paar ganz persönliche Worte. Wenn ich am Ende Ihrer schulischen Ausbildung auf die letzten Jahre zurückblicke, dann spüre ich bereits, wie der Idealisierungsprozess einsetzt. Ich weiß zwar noch, dass ich mich so manches Mal ziemlich über den Einen oder Anderen geärgert habe, es überwiegt aber ein eher positives Bild.

Ich erinnere mich an viele nette und liebenswürdige Menschen. Viele heillos in ihren Selbstversuch „Wege zum Abitur bei minimaler Verausgabung von Energie“ verstrickt, immer aber freundlich, häufig sogar charmant. Den wenigsten von Ihnen konnte ich länger böse sein.

Um diesen Teil der Stufe mache ich mir wirklich keine Sorgen. Bei Ihnen ist noch soviel Luft nach oben, noch soviel Reserve in der Ausschöpfung Ihrer Leistungsfähigkeit, dass Sie gelassen den zukünftigen Anforderungen entgegensehen können.

Als Schulleiter richte ich natürlich meinen Blick mit Stolz auch auf diejenigen der 48 Abiturientinnen und Abiturienten dieses Jahrgangs, die das Abitur mit großem Erfolg erreicht haben. 9 Schülerinnen und Schüler haben ihre Allgemeine Hochschulreife mit einer 1 vor dem Komma erworben, dabei sogar 3 mit der  1,0!

Mit 788 Punkten die absolute Spitzenreiterin dieses Jahrgangs ist Inga Hagström. Ebenfalls mit dem Spitzenergebnis von 1,0 Carsten und Tobias Asmanoglo.

Die Note 1,2 erreicht hat Rupert Stock, gefolgt von Sarah Talarczyk mit 1,3.

Mit einer ebenfalls hervorragenden 1,5 hat Birte Andrzejewski abgeschlossen und die 1,7 von Annika Czubek, Dominik Duda und Jens Quedenfeld stehen für ein überdurchschnittlich gutes Abitur.

Es folgen 12 Abiturienten und Abiturientinnen, die Ihr Abitur mit einer 2 vor dem Komma erreicht haben.

Ihnen und allen anderen Abiturienten und Abiturientinnen unseres Gymnasiums sei schon an dieser Stelle herzlich gratuliert.

 

 

“Si nemo ex me quaerat, scio; si quaerenti explicare velim, nescio”.

oder nicht ganz wörtlich übersetzt: „Wenn niemand mich danach fragt, weiß ich's, will ich's aber einem Anderen erklären, weiß ich's nicht.“

Was sich wie das Mantra des „Unbekannten Schülers“ anhört, hat natürlich nichts mit der wohlfeilen Entschuldigungsvariante vieler Schülerinnen und Schüler zu tun, sie hätten  wirklich gelernt und zu Hause hätten sie ja auch noch gekonnt, (denn diese Schüler würden ihre Entschuldigung wohl kaum in perfektem Latein vorbringen). Vielmehr handelt es sich um die Einsicht des Augustinus von  Thagaste, der sich im 4. Jahrhundert n. Chr. in seinen „Confessiones“ mit der Frage beschäftigt:

Was ist eigentlich „Zeit“?

Wir befassen uns herzlich wenig mit dieser Frage, obwohl in ihrer Thematisierung sicherlich ein wichtiger Schlüssel zu Bewältigung des eigenen Lebens liegt. - Ihres Lebens!

Es ist für uns alle selbstverständlich, „Keine Zeit zu haben“. Im „Keine-Zeit-Haben“ haben Sie es – liebe Abiturientinnen und Abiturienten – sogar zu einer gewissen Meisterschaft gebracht. Der Versuch, mit einer Gruppe von Ihnen, die mehr als zwei Mitglieder haben sollte,  einen gemeinsamen Termin zu verabreden, war schon von vornherein zum Scheitern verurteilt. Ihre Terminkalender hätten gelegentlich denen von Top-Managern zur Ehre gereicht.

Allerdings fanden sich unter diesen Terminen nur selten solche, die etwas mit Schule oder Lernen zu tun hatten.

Ich konnte sogar die Mitglieder meines Grundkurses Pädagogik in Staunen und Verzücken versetzen, als ich Ihnen im Zusammenhang der Erstellung eines Arbeitsplans erklärte, dass man Lern- und Arbeitsphasen fest in den Tagesablauf einplanen kann; ja sogar Wochen im Voraus. Ein typischer Kommentar zu dieser völlig neuen Erkenntnis: „Ich weiß doch heute noch nicht, ob ich da überhaupt Zeit zum Lernen habe!“

Allerdings haben Sie in diesem Zusammenhang des „Keine-Zeit-Habens“ keinen Sonderstatus; es ist ein gesamtgesellschaftliches Phänomen, das bis tief in unsere private, ja sogar intime Sphäre reicht. So lässt etwa Loriot in einem Sketch den Ehemann in einer Ehe-Therapiesitzung auf die Frage der Therapeutin „Küssen Sie Ihre Frau gelegentlich?“ antworten: „Es ist zeitlich immer etwas ungünstig!“

Das „Keine-Zeit-Haben“ ist für uns so etwas wie ein Statussymbol geworden. Man traut sich ja manchmal kaum noch, jemandem ein schönes Wochenende zu wünschen, um nicht den Eindruck zu erwecken, man selbst habe am Wochenende Zeit und keine Arbeit zu erledigen.

Irgendetwas läuft doch offensichtlich falsch mit unserem Verständnis von Zeit. Wie Augustinus sicherlich richtig feststellt, ist „Zeit“ für uns etwas Selbstverständliches, über das wir nicht weiter reflektieren.

Albert Einstein hat einmal bemerkt:

„Der normale Erwachsene denkt über die Raum-Zeit-Probleme kaum nach. Das hat er seiner Meinung nach bereits als Kind getan. Ich hingegen habe mich derart langsam entwickelt, dass ich erst als Erwachsener anfing, mich über Raum und Zeit zu wundern.“

Am Ende Ihrer Schulzeit sollten wir uns und Sie sich  kurz die Zeit nehmen,  uns über Raum und Zeit zu wundern; darüber nachzudenken, welche Nutzen es für Sie selbst in Zukunft haben könnte, sich bewusst mit dem Phänomen „Zeit“ auseinanderzusetzen.

„Time ist money“ – So lautet die Maxime der Führungsetagen unserer Gesellschaft, auf denen Sie einmal als Inhaber der Allgemeinen Hochschulreife Ihre Positionen einnehmen sollen.

„Time ist money“ - Hier nimmt Zeit konkrete Gestalt an, man kann sie anfassen. Sie wird der philosophischen Betrachtung bewusst entzogen und auf die Ebene einer ökonomischen Kategorie herunter gebrochen; letztlich sogar zur einzig gültigen.

Wer diesen Zusammenhang in seiner Richtigkeit in Frage stellt, ist ein Spinner, ein Träumer.

„Geld regiert die Welt“, logischerweise also: „Zeit regiert die Welt“.

Wie demokratisch ist die Zeit in ihrem Regiment, wie viel Mitbestimmung, wie viel Einfluss wird uns, wird Ihnen zugestanden?

Keiner, niente, nada, zero!

In diesem Zeitverständnis wird alles Handeln, alle Beziehungen, Sie und ich, jeder einzelne von uns eingesperrt zwischen zwei Zeitpunkte, dem Beginn und dem Ende jeweils definierter, in aller Regel parallel verlaufender und sich überlappender Prozesse.

Je höher qualifiziert wir sind, desto größer ist zwar der Handlungsspielraum, den man uns zwischen diesen beiden Punkten gewährt. Der Endpunkt aber ist unerbittlich, er ist ohne Wenn und Aber einzuhalten, in vielen Fällen strafbewährt, in jedem Fall gesellschaftlich sanktioniert und nicht selten trägt er den beziehungsreichen Namen „Deadline“. (Der Herzinfarkt als Ritterschlag des Erfolgreichen und Leistungsbereiten.)

„Nicht zu viel schlafen, keine Zeit verschwenden, nicht sinnlos daher reden!“ Max Weber - ein bedeutender deutscher Soziologe und Nationalökonom, veröffentlichte am Ende des vorletzten Jahrhunderts eines seiner wichtigsten Werke „Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus“

In dieser Aufsehen erregenden Abhandlung sieht er den Übergang zu bürgerlichen, markwirtschaftlich verfassten Gesellschaften insbesondere durch das noch heute gültige Zeitverständnis begründet.

Die in der industriellen Arbeit verdinglichte Zeit wird in Webers Sicht zum Mittel einer „innerweltlichen Askese“. Der asketisch lebende Mensch vergeudet seine Zeit nicht im Müßiggang, sondern arbeitet, um Reichtum zu erwerben. Reichtum beruht somit nicht mehr auf Raub, Brandschatzung, Erbe oder Schatzbildung, sondern auf sinnvoller Verausgabung von Zeit; ist somit nicht mehr sündhaft, sondern Gott gefällig.

Die Uhr, mobil und präzise, stellt die Grundlage unseres gesellschaftlichen Handelns dar. Durch die englische Kriegmarine in ihrer Entwicklung stark forciert - um endlich die zur Navigation so dringend benötigte Längengradbestimmung vornehmen zu können – hat  dieser immer kleiner und präziser werdende Zeitmesser – mit dem man heute sogar telefonieren kann -  eine Gesellschaftsformation ermöglicht und entwickelt, die noch heute existiert und der von  Weber formulierten Leistungsethik nach wie vor unterliegt.

In den Schulen unserer Gesellschaft – so habe ich es als junger Student noch gelernt – vermitteln wir Ihnen die Prinzipien dieser Leistungsethik. Auf der Basis eines „heimlichen Lehrplans“ (ein Begriff den Jürgen Zinnecker 1975 eingeführt hat und mit dem er ziemlich berühmt geworden ist), erziehen wir Sie heimlich und unbemerkt durch die Rhythmisierung des Schultages, durch unser Beharren auf Pünktlichkeit und Teilnahme am Unterricht zu funktionierenden Leistungsträgern, die gegenüber dem herrschenden Zeitverständnis kritiklos sind, weil sie es internalisiert haben.

Aber wir haben ja in den letzten neun Jahren – so hoffe ich doch – gelernt,  wissenschaftliche Aussagen zu hinterfragen, auch wenn sie durchaus plausibel klingen und von bekannten Persönlichkeiten aufgestellt worden sind. Stimmt das also, was Zinnecker vor 35 Jahren so eingängig formuliert hat? Stimmt es, dass die Strukturierung von Zeitabläufen und die Messung von Zeit uns notwendig zu Sklaven dieser Zeit werden lässt?

Die Uhr ist nach meiner Meinung genauso wenig vom Teufel wie das Streben nach und das Beharren auf Pünktlichkeit. Gerade angesichts der großen Subjektivität des Zeitempfindens, der Relativität von Zeit, birgt die Möglichkeit ihrer Standardisierung  die Grundlage sozialen, kooperativen Handelns, der Nutzung von Synergien, der Organisation von Gemeinschaft, der Eröffnung von Rückzugsräumen und –zeiten.

Oder anders gesagt: Die Sicherstellung individueller Freiheit in unserer pluralistischen Gesellschaft realisiert sich nicht in der Verneinung zeitlicher Strukturen, darin sie zu ignorieren oder zu bekämpfen. Es muss vielmehr darum gehen, die Gefahren des herrschenden Zeitverständnisses zu erkennen, um sie dann für sich selbst minimieren zu können.

Die meisten von Ihnen werden in der kommenden Zeit vermutlich schon sehr schnell die zeitliche Strukturierung des bislang gewohnten Alltages vermissen. Sie werden merken, dass der zeitliche Rahmen von Schule viel weniger ein Luft abschnürendes Korsett war, als vielmehr eine Leitplanke, die Ihnen bei Ihrer häufig Kurven reichen Fahrt der letzten Jahre  Sicherheit und Orientierung gegeben hat.

Viel wird in der Zukunft davon abhängen, wie es Ihnen gelingen wird, realistische Zeitpläne zu entwerfen und vor allem einzuhalten. Nicht nur Zeitpläne für die Organisation Ihres Alltags, sondern auch für die mittelfristige Gestaltung Ihrer weiteren Ausbildung. Sie werden dabei weitgehend auf sich selbst gestellt sein.

Es liegt deshalb nahe, die Erfahrungen anderer zu kennen  und vielleicht auch zu reflektieren, auch wenn Sie letztlich alle Ihre Erfahrungen selbst machen müssen und werden.

Im Zusammenhang des Phänoms  „Zeit“ gibt es ungezählte Volksweisheiten. Viele davon sind trivial, andere nach meinen Erfahrungen auch falsch. Eine Erkenntnis scheint mir allerdings allgemeingültig und für die eigene Zeitplanung sehr hilfreich zu sein.

Ein chinesisches Sprichwort besagt: „Hast Du es eilig, mache einen Umweg.“ Diese Weisheit ist mir nicht nur deshalb so eingängig, weil ich ihre Richtigkeit in letzter Zeit aufgrund des Dauerstaus zwischen Dortmund Landstrop und Hamm immer wieder erfahre.

Umwege erhöhen ja nicht nur die Ortskenntnis und eröffnen eine andere Sicht auf die eigene Routenplanung. Umwege bieten einem auch die Möglichkeit, die Richtigkeit seiner Entscheidungen noch einmal zu überdenken.

Schon im Alten Testament heißt es in den „Büchern der Weisheit“: “Alles hat seine Zeit und jegliches Vornehmen unter dem Himmel seine Stunde.“ Und dann weiter: "Es gibt eine Zeit zu arbeiten, und es gibt eine Zeit zu feiern".

Aus meiner Erfahrung gibt es keine Erkenntnis, die für die Planung von Zeit wichtiger wäre. Wenn Sie diesen Grundsatz in Zukunft beherzigen, werden Sie während Ihrer Arbeitsphasen gefeit sein gegen jegliche Ablenkung, da Sie ja Arbeit und Vergnügen nicht mehr vermischen werden und – was für mich immer gleich wichtig war – Sie können ohne jegliches schlechtes Gewissen feiern, wissen Sie doch, dass Sie Ihre Arbeit erledigt haben.

Ihre Arbeit am Heinrich-Heine-Gymnasium ist ein für alle Mal erledigt, Ihre Zeit an unserer Schule als Schülerin bzw. Schüler ist abgelaufen. Dieses bestätigen wir Ihnen gleich durch die Aushändigung Ihrer Reifezeugnisse. In diesem Bewusstsein werden wir morgen mit sehr gutem Gewissen feiern können.

Ich wünsche Ihnen, liebe Abiturientinnen und Abiturienten, dass Sie auf die Zeit am Heinrich-Heine-Gymnasium mit Stolz auf das von Ihnen Geleistete und manchmal auch mit Wehmut auf das unwiederbringlich Vergangene zurückblicken, die Gegenwart als befreit von schulischen Zwängen genießen können und in eine glückliche und erfolgreiche Zukunft gehen werden, in der es Ihnen gelingen möge, Ihre Zeit so zu gestalten, dass Sie ein erfülltes Leben führen können.