an das Heinrich-Heine-Gymnasium am 12. Juli 2011
Begrüßungsansprache des Schulleiters Dr. Detlef v. Elsenau
Als Schulleiter des Heinrich-Heine-Gymnasiums begrüße ich alle Anwesenden sehr herzlich zu unserer außerordentlichen Schulversammlung
Außerordentlich ist diese Versammlung nicht nur aufgrund des gewählten Termins, sondern in besonderer Weise aufgrund des außerordentlichen Anlasses.
Dieses wird bereits durch die Gäste deutlich, die heute an unserer Versammlung teilnehmen.
Ich freue mich sehr, Sie, Frau Cornelia Schneider von der ‚Regionalen Arbeitsstelle zur Förderung von Kindern und Jugendlichen aus Zuwandererfamilien' – kurz RAA - , begrüßen zu dürfen.
Die Patenschaft für unser Projekt haben Sie übernommen, sehr geehrter Herr Großmann. Sowohl in dieser Funktion als auch als Mitglied der Elternschaft unserer Schule möchte ich Sie herzlich willkommen heißen und Ihnen dafür danken, dass Sie bereit sind, uns auf unserem Weg zu begleiten.
Ich freue mich sehr, dass es Ihnen nichts ausmacht, vor die Schülerschaft einer Schule zu treten, deren Fensterfarbe bereits eine deutliche Verbundenheit mit dem größten Fußballverein dieser Stadt vermuten lässt. Es ist uns gleichermaßen Freude wie Ehre, Sie, Herrn Asamoah bei uns begrüßen zu können.
Ein herzliches Willkommen auch den Vertreterinnen der Schulpflegschaft, Frau Jägermann und Frau Winter.
Nicht zuletzt möchte ich Euch, liebe Schülerinnen und Schüler unserer Schule und Sie, liebe Kolleginnen und Kollegen zu dieser Schulversammlung begrüßen.
Liebe Kollegin Wöhl-Beer, wenn Sie sich nicht auf den Weg gemacht hätten, wenn Sie nicht Schülerschaft und Kollegium für dieses Projekt gewonnen hätten, würden wir diesen Tag nicht feiern können. Ihnen sei an dieser Stelle von mir ganz persönlich aber auch im Namen unserer Schulgemeinschaft für Ihr großes und erfolgreiches Engagement herzlich gedankt.
An dieser Stelle möchte ich ganz besonders Sie nicht vergessen, liebe Schülerinnen und Schüler des Eph-Sowi-Grundkurses von Frau Wöhl-Beer. Es ist Ihrem persönlichen Einsatz zu verdanken, dass wir heute das Zertifikat „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage" erhalten werden; dafür herzlichen Dank.
Leider von mir viel zu häufig unerwähnt bleiben diejenigen, die weitestgehend verborgen von der Schulöffentlichkeit dafür sorgen, dass wir in unseren Veranstaltungen alle erdenkliche technische Unterstützung haben. Ich danke Herrn Dr. Regner sowie den Schülerinnen und Schülern der AG „Licht und Ton" aufs Herzlichste.
Sie werden es mir nachsehen, dass ich am heutigen Tag einen sehr persönlichen Blick auf den Anlass unseres Zusammentreffens nehme. Ich halte eigentlich nicht viel davon, sich als Schule um Siegel und Zertifikate zu bemühen. Bewerbungen hierfür sind zeitaufwändig, kosten viel Energie, die an anderer Stelle dringend gebraucht wird, und spiegeln in vielen Fällen nicht die Realität dessen, was in der Schule wirklich passiert.
Dieses Zertifikat allerdings ist eine Herzensangelegenheit von mir, nicht weil ich meine, dass wir unser Ziel bereits erreicht und eine Auszeichnung verdient hätten, sondern weil Ihr, liebe Schülerinnen und Schüler, weil wir, das Kollegium dieser Schule dadurch unseren gemeinsamen Willen dokumentieren, in einer offenen Auseinandersetzung mit den Problemen von Diskriminierung, Rassismus und Gewalt „gemeinsam Wege zu finden, zukünftig einander zu achten". Es macht mich stolz, Schulleiter einer Schule zu sein, die sich dieser Aufgabe verpflichtet fühlt.
„Das Vergangene ist nie tot, es ist nicht einmal vergangen" – Dieses bekannte Zitat von William Faulkner, das noch heute ermahnend über meinem Schreibtisch hängt, hat mich schon als junger Student tief beeindruckt.
8 Jahre nach dem 2. Weltkrieg geboren, gehöre ich der sogenannten Nachkriegs-Generation an, einer Generation, die um die Auseinandersetzung mit dem Rassismus in seinen vielfältigen Erscheinungsformen bereits im Jugendalter nicht herumkam und noch heute in großen Teilen äußerst sensibel auf den alltäglichen Rassismus hier und anderswo reagiert.
Erzogen von Eltern und Erziehern, die in ihrer übergroßen Mehrzahl unfähig waren zu trauern angesichts dessen, was sie im Nationalsozialismus erlebt und mitverantwortet haben, mussten wir uns als Jugendliche mit dem unbewältigten und somit weiter schwelenden Rassismus in der eigenen Gesellschaft auseinandersetzen, den aggressiven Rassismus in den USA mitverfolgen und konnten erst als Erwachsene die Freilassung Nelson Mandelas und die schrittweise Abschaffung der Apartheid-Politik Südafrikas mitfeiern.
Aber auch Ihr, liebe Schülerinnen und Schüler seid in eine Zeit hineingeboren, in der Rassismus und Diskriminierung keinesfalls überwunden sind. Überall auf der Welt sterben Menschen, werden Menschen gefoltert, missachtet und ihrer Grundrechte beraubt, müssen fliehen, nur weil sie einer bestimmten Volksgruppe angehören.
Angesichts dieser Menschenrechtsverletzungen in der Welt fragen wir uns, was wir als Einzelne denn dagegen unternehmen können. Was können wir schon gegen einen Mahmud Ahmadinedschad, den amtierenden iranischen Präsidenten, unternehmen, der ungestraft und öffentlich zum Rassenhass aufruft, was können wir schon gegen türkische Richter unternehmen, die den Schriftsteller und Literaturnobelpreisträger Orhan Pamuk mit Gefängnis bedrohen, nur weil er den Völkermord an 1,5 Millionen Armeniern im ersten Weltkrieg anklagt, was können wir als Einzelne schon gegen den bewaffneten und gewaltbereiten braunen Mob in unseren Städten unternehmen, der knapp 70 Jahre nach dem deutschen Holocaust weiterhin seine rassistischen Parolen brüllt und vor Gewalttaten nicht zurückschreckt?
Eine wohlfeile Antwort auf diese Frage lautet häufig: „Als Einzelner kann man gar nichts machen!" Und das ist meines Erachtens nicht nur eine falsche, sondern auch eine gefährliche Parole, weil sie häufig genug dazu dient, die eigene Untätigkeit, das eigene Wegsehen zu legitimieren.
Der Rassismus hat aber seine Wurzeln in den Einzelnen selbst. So waren wir Deutsche in der Zeit von 1933 bis 1945 nicht Opfer eines rassistischen Regimes. Vielmehr hat eine Gesellschaft rassistischer Einzelner den Nationalsozialismus und seine Terrorherrschaft erst ermöglicht. Das Gleiche gilt auch für alle anderen Gesellschaften dieser Welt, in denen rassistische Tendenzen das Handeln der politischen Entscheidungsträger prägen.
Die Verantwortung liegt also bei uns selbst. Jeder Einzelne von uns ist aufgefordert, seinen individuellen Anteil zu leisten, Rassismus und Menschenrechtsverletzungen in seiner Gesellschaft zu bekämpfen. Und zwar dort, wo sie sich im eigenen Umfeld zeigen.
In unserem gemeinsamen Umfeld dieses Schulzentrums geht es dabei aus meiner Sicht nicht darum, angesichts der Vielzahl unterschiedlicher ethnischer Wurzeln in unserer Schule gegenseitig unkritisch miteinander umzugehen und unsere Vielfalt mit einer Schicht aus Harmonie und Folklore „zuzukleistern".
Vielmehr müssen wir offen sein für die Wahrnehmung unserer verschiedenen Ursprungsgesellschaften, für deren Normen und Regeln, gleichzeitig aber auch offen und bereit, in einen kritischen und intensiven Diskurs einzutreten, wenn diese Normen und Regeln das unveräußerliche Recht des Menschen auf Selbstbestimmung verletzen.
Wir müssen diese doppelte Offenheit herstellen und weiterentwickeln, wollen wir unseren Anspruch umsetzen, eine lebendige, auf die Autonomie unserer Schülerinnen und Schüler zielende Schule zu sein.
In diesem Sinne muss es darum gehen, die Zugehörigkeit des Einzelnen zu einer ethnischen Gruppe weder zum Anlass von Ausgrenzung, Herabwürdigung noch von offener oder versteckter Aggressionen werden zu lassen. Es muss darum gehen, die Atmosphäre von Offenheit, Respekt und Verantwortung jeden Tag aufs Neue zu verteidigen und weiter zu entwickeln.
Wir haben durch unsere Unterschrift bekundet, dass wir dazu bereit sind. Wir, das sind wir alle an dieser Schule mit unseren verschiedenen Wurzeln, Erfahrungen und Lebenszielen und Elternhäusern und Freundeskreisen und Kirchen. Jeder von uns muss das Siegel „Schule mit Courage" mit Leben füllen, damit es unsere gemeinsame Sache und erfolgreich wird.
Courage zu entwickeln und zu zeigen ist aber wohl eine der schwierigsten Aufgaben, vor die sich ein Mensch gestellt sieht.
Aber wir haben Vorbilder, hier und heute und in unserer Geschichte
– denn auch im Falle der eingeforderten Courage gilt die Erkenntnis von William Faulkner „Das Vergangene ist nie tot, es ist nicht einmal vergangen".




