Was verstehen wir unter „Selbstlernen“
In den Schulen und besonders am HHG sind Selbstlernprozesse weder neu noch etwas Besonders. Selbsttätiges und selbstständiges Lernhandeln sind integraler Bestandteil des alltäglichen Unterrichtsgeschehens wie z.B. selbstständiges Anfertigen der täglichen Hausaufgaben, Einzel- und Gruppenarbeitsphasen im Unterricht, Erstellung von Facharbeiten, Lernen in Projekten usw.
Das Konzept des Selbstlernens geht allerdings über diese Ansätze hinaus. Es pointiert in besonderer Weise den Aspekt der „Selbstständigkeit“ schulischer Lernprozesse und zwar auf inhaltlicher wie struktureller Ebene. Die Eigenverantwortlichkeit der Schülerinnen und Schüler für ihr Lernhandeln steigt dabei sowohl im Bereich der inhaltlichen Konzeptionierung, der Durchführung und Sicherung des Lerngeschehens wie der zeitlichen und räumlichen Organisation des Prozessverlaufs.
Dadurch erfahren die traditionellen Rollenmuster von Schülern wie Lehrenden in Teilen eine deutliche Umakzentuierung. Während die Schülerinnen und Schüler ihre eher rezipierende Haltung aufgeben müssen, geht es bei den Lehrenden darum, ihre Funktion als Wissensvermittler und Gestalter von Lehr-Lern-Prozessen zu modifizieren. Von ihnen muss erwartet werden, dass sie die Rolle des Prozessbegleiters einnehmen, mithin einerseits „Seniorpartner“ in einem Lernprozess zu sein, dessen Verlauf und Ergebnis zu Beginn nicht in allen Details absehbar ist, andererseits aber die Progression des Lernprozesses für den Einzelnen und die Lerngruppe insgesamt sicherzustellen.
Unter „Selbstlernen“ müssen wir also Lernprozesse verstehen, die vom Grundsatz her ergebnisoffen sind, auf selbstständigem – in Unterscheidung zu selbsttätigem - Handeln von Schülerinnen und Schülern beruhen, von Lehrkräften begleitet und später in den Unterricht der Lerngruppe reintegriert werden und auf Zeit die strukturellen Vorgaben des Unterrichtsalltages – wie z.B. Teilnahmepflicht am Fachunterricht, Erledigung von Hausaufgaben usw. – verlassen. Das setzt einerseits voraus, dass entsprechend ausgestattete Räume bereitgestellt werden, sogenannte „Selbstlernzentren“, andererseits von der Schule die notwendigen inhaltlichen und organisatorischen Entscheidungen getroffen und kodifiziert werden.
Welche Ziele verfolgen Selbstlernprozesse?
Das Konzept des Selbstlernens reagiert im Besonderen auf drei zentrale Forderungen an gymnasiale Bildung, wie sie heute, auch angesichts der Ergebnisse internationaler Vergleichstudien, zunehmend pointierter formuliert werden:
- Mündigkeitserziehung, als integraler Bestandteil der Richtlinien sowohl der Sek I wie der Sek II
- Gleichgewicht zwischen Fordern und Fördern, im Sinne des Ausgleichs des existierenden Balancedefizits zu Ungunsten der Komponente „Leistungsforderung“
- Anpassung schulischer Bildung an veränderte Zeitsignaturen durch Ausbildung von Schlüsselqualifikationen
zu 1: Selbstlernen und Mündigkeitserziehung
Selbstlernprozesse ermöglichen eine nachhaltige Ausbildung der Qualifikationsaspekte, wie sie heute im bildungstheoretischen Diskurs einer mündigen Persönlichkeit zugeschrieben werden, nämlich der Sachkompetenz, der Selbstkompetenz und der Sozialkompetenz. Die Einbettung der Selbstlernprozesse in den Gesamtunterrichtsprozess stellt dabei die Orientierung an den wissenschaftspropädeutischen Grundlagen gymnasialer Bildung im inhaltlichen wie methodischen Bereich sicher. Selbstlernprozesse dienen damit einerseits einer angemessenen Verbreiterung und Vertiefung der Sachkompetenz der Schülerinnen und Schüler, verbessert aber anderseits die Fähigkeiten selbstständigen Arbeitens, was nicht nur die methodischen Kenntnisse erweitert, sondern auch positive Auswirkungen auf die Entwicklung der Persönlichkeit im Sinne der Steigerung der Selbstkompetenz zeitigt. Elemente sozialer Kompetenz werden dadurch gefördert, dass die Selbstlernprozesse nicht nur als Individualprozesse sondern auch als Gruppenprozesse gestaltet werden können, in der Regel durch die eigene Arbeit Verantwortung für die Lerngruppe übernommen wird und in jedem Fall eine intensivere Kommunikation mit der jeweils betreuenden Lehrkraft auf der Basis veränderter Rollenmuster aufgebaut und durchgehalten werden muss.
zu 2: Selbstlernen und Binnendifferenzierung
Selbstlernprozesse ermöglichen die Chance, innerhalb leistungsheterogener Lerngruppen durch Maßnahmen der Binnendifferenzierung die leistungswilligen und leistungsfähigen Schülerinnen und Schüler deutlich stärker zu fördern, indem sie durch gesonderte oder zusätzliche Aufgaben gefordert werden. Eines der denkbaren Modelle stellt das „Drehtürmodell“ dar, bei dem einzelne Schüler bzw. kleinere Schülergruppen für eine vereinbarte Zeit den Unterricht der Lerngruppe verlassen und ein Selbstlernprojekt durchführen.
zu 3: Selbstlernen und Schlüsselqualifikationen
Selbstlernprozesse sind in besonderer Weise geeignet, Schlüsselqualifikationen wie selbstständiges Entscheiden und Handeln, Kooperationsfähigkeit, Planungs- und Kommunikationsfähigkeit, schnelle Informationsverarbeitung, Selbststeuerung von Lernprozessen, vernetztes Denken, Kreativität und methodische Flexibilität zu schulen.
Verknüpfung mit dem Schulprogramm
Die Einrichtung von Selbstlernzentren als strukturelle Voraussetzung der Durchführung von Selbstlernprozessen am HHG steht damit in direktem Zusammenhang mit wesentlichen schulprogrammatischen Zielen des HHG, wie z.B.
- Ausbildung von Schlüsselqualifikationen durch ein möglichst breit gefächertes Angebot Spektrums gymnasialer Fächer, Inhalte, Methoden und Lernanreize
- Erziehung zu Mündigkeit und sozialer Verantwortung auf allen Ebenen schulischen Handelns
- Stärkung der Selbstkompetenz durch Selbstlernangebote in den verschiedenen fachlichen Bereichen zur Erprobung eigner Fähigkeiten
- Gleichberechtigte Förderung leistungswilliger und leistungsfähiger Schülerinnen und Schüler durch binnendifferenzierende Maßnahmen
Einrichtung von Selbstlernzentren
Selbstlernzentren, die als reine Medienzentren konzipiert werden, verlieren sehr oft und sehr schnell ihren Reiz für die Lernenden wie für die Lehrenden. Dies gilt dann in besonderem Maße, wenn die Schülerinnen und Schüler es nicht gelernt haben bzw. es nicht gewöhnt sind, selbstständig zu arbeiten.
Auch die modernen Medien verlieren für viele Schülerinnen und Schüler schnell an Attraktivität, wenn nicht gleichzeitig eine persönliche Betreuung gewährleistet ist. Selbstständiges Lernen kommt ohne Hilfe und begleitende Unterstützung durch die Lehrenden nicht aus. Vielmehr geht es um eine konzeptionell abgesicherte Verknüpfung eigenständiger Leistungserbringung, individueller Beratung und Gruppenarbeit. Die infrastrukturellen Bedingungen im Bereich naturwissenschaftlicher Selbstlernzentren erfordern darüber hinaus Überlelegungen zum Umgang mit Gefahrstoffen und zur Aufsichtsproblematik während der Experimentierphasen.