Schulleiterblog

Planmäßiger Unterricht Empfehlung

Die Ruhrnachrichten haben ihre Leser den ganzen März über aufgerufen, den Unterrichtsausfall an den Schulen Dortmunds zu melden. Als Schulleiter des Heinrich-Heine-Gymnasiums habe ich der Redaktion der Zeitung begründet, warum ich und mit mir zusammen alle Gymnasialschulleiter Dortmunds weder kommentierend noch kritisierend auf die Aktion reagiert haben. Hier ein Auszug aus meinem Schreiben an die Redaktion:

"Ich möchte die Gelegenheit nutzen, Ihnen meine persönliche Sicht der Dinge kurz darzustellen. Da wir Schulleiter der Dortmunder Gymnasien uns selbstverständlich auf der Basis eines Meinungsaustausches mit ihrer Aktion befasst haben, weiß ich, dass meine Kolleginnen und Kollegen und ich im Grundsatz gleiche Positionen vertreten. Ich kann allerdings im Moment nicht für die Gesamtheit der gymnasiale Schulleiter stellvertretend sprechen. Dafür bitte ich Sie um Verständnis.

Zunächst einmal kann ich Ihnen versichern, dass ich mich durch ihre Aktion in keiner Weise kritisiert fühle. Auch hat es zu keinem Zeitpunkt von der Schulaufsicht in Arnsberg den Versuch gegeben, uns in Bezug auf unsere Reaktion auf ihre Aktion Vorschriften zu machen. Dass ich nicht (wie vermutlich auch kein anderer Gymnasialschulleiter) auf ihre Anfragen reagiert habe, begründet sich in der tiefgreifenden Skepsis dem Weg gegenüber, dem Problem der Qualitätssicherung des Unterrichts begegnen zu können, den sie angestoßen haben.

Ihre aus meiner Sicht aller Ehren werte Absicht, zur Verbesserung der Unterrichtsqualität einen Beitrag zu leisten, zielen meines Erachtens deshalb daneben, weil die Vielfältigkeit der Ursachenfaktoren für gelingendes schulisches Lernen auf einen einzigen Faktor reduziert wird, der ein ausschließlich quantitatives Merkmal darstellt.

Selbst wenn man der Meinung ist, dass es sich bei diesem quantitativen Merkmal um den dominanten Faktor der Sicherstellung der Unterrichtsqualität handelt, so ergibt sich unmittelbar die Frage, was denn gezählt wird. In einer ihrer Mails werden wir als Schulleiterinnen und Schulleiter aufgefordert, die von Ihnen erhobenen Zahlenwerte zu bestätigen oder zu korrigieren. Dabei beziehen sie sich wörtlich auf "Abweichungen vom planmäßigen Unterricht".

Die Planmäßigkeit des erteilten Unterrichts selbst ist allerdings aus meiner Sicht nicht einmal im Ansatz ein Kriterium für den Lernerfolg unserer Schülerinnen und Schüler. Vielmehr ist die Abweichung von den zu Beginn eines Schulhalbjahres erstellten Stundenplänen der einzelnen Klassen und Lerngruppen weniger ein Mangel, als ein konstitutives Merkmal der Organisation von Lernprozessen an einer Schule. Projektartiges Lernen, Lernen am anderen Lernort, Phasen selbstständigen und selbstverantworteten Lernens, längerfristig angelegte kooperative Lernformen usw. ließen sich nicht umsetzen, wenn die Sicherstellung der Planmäßigkeit des erteilten Unterrichts die zentrale Bedingung pädagogischen Entscheidungen einer Schule sein müsste.

Auch die Abweichung vom planmäßigen Unterricht durch ad hoc auftretende Situationen, wie zum Beispiel Erkrankungen von Lehrkräften, führt nicht notwendig dazu, dass der Lernprozess unsere Schülerinnen und Schüler stagnieren muss. In aller Regel gelingt es uns, in diesen Fällen Kompensation zu schaffen.

Nun ist es gar nicht abzustreiten, dass es immer wieder Tage gibt, in denen diese Kompensation nicht zufriedenstellend gelingen kann und die Schülerinnen und Schüler einzelner Lerngruppen die Schule früher verlassen bzw. erst später am Morgen zum Unterricht erscheinen. Wenn diese Entscheidungen getroffen werden, dann reagieren die Schulleitungen bzw. die mit dem Vertretungsplan beauftragten Lehrkräfte nicht selten auf Wunsch aus der Elternschaft, ihre Kinder früher zu Hause zu haben zu wollen.

Es geht mir mit meinen Ausführungen nicht darum, das Problem des Unterrichtsausfalls zu verharmlosen. Denn natürlich gibt es Grenzen, außerhalb derer ausfallender Unterricht (und ich spreche ganz bewusst nicht von nicht planmäßig erteiltem Unterricht) unsere Bemühungen, die Qualität von Unterricht zu sichern, konterkarieren. Als jemand aus der Generation der Kurzschuljahre habe ich allerdings erfahren, welche Toleranzgrenzen faktisch existieren, in denen das System auch auf massivsten Unterrichtsausfall so zu reagieren in der Lage ist, dass die Schülerinnen und Schüler trotzdem erfolgreich auf ihren Lebensweg vorbereitet werden.

Ich hoffe, dass ich Ihnen einen kleinen Einblick in meine persönliche Motivationslage geben konnte. Dabei ist es mir wichtig, dass deutlich wird, dass ich mich nicht aus gekränkte Eitelkeit ihrer Aktion verweigere, sondern die Sorge habe, dass das von ihnen gewählte Messinstrument Daten produziert, deren Grundlage äußerst unsicher ist und darüber hinaus durch die isolierte Betrachtung des Aspekts des Unterrichtsausfalls die notwendige Einsicht in die multifaktoriellen Ursachenzusammenhänge gelingenden Unterrichtsgeschehens verstellt."

D.v.Elsenau
Dortmund im März 2017

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