Schulleiterblog

Darf’s auch etwas mehr sein?

Das hatte Naina sicherlich völlig anders erwartet. Denn Kritik an dem, was unsere Schulen in der heutigen Zeit leisten, wird im Allgemeinen von der übergroßen Mehrzahl unserer Bevölkerung „geliked". Aber als die siebzehnjährige Kölnerin in der vergangenen Woche twitterte, sie habe zwar in der Schule gelernt, eine Gedichtanalyse in vier Sprachen zu schreiben, habe aber mit ihren fast 18 Jahren keine Ahnung von Steuern, Miete oder Versicherung, prasselte das, was man in Zeiten von Social Media als Shitstorm bezeichnet, unerwartet und ungebremst auf sie nieder.

Nun weiß ich nicht, worüber ich mich zuerst und mehr ärgern soll. Zum einen finde ich es äußerst bedenklich, wie bedenkenlos heutzutage die Meinung von einzelnen digital niedergeschrien wird. Als demokratischen Diskurs kann ja so eine Welle zum Teil übelster Beschimpfungen und Beleidigungen nicht angesehen werden. Allein aus diesem Grunde tut mir die Schülerin aus Köln persönlich leid.

Andererseits ärgere ich mich natürlich über den Vorwurf, der Schule heute immer wieder gemacht wird. Wird an irgendeiner Stelle ein gesellschaftliches Problem sichtbar, so dauert es in aller Regel nicht sehr lange, bis von verschiedenen Seiten entweder der Vorwurf erhoben wird, die Schule hätte in dieser oder jener Hinsicht versagt oder aber es wird die Forderung laut, dass möglichst unverzüglich ein neues Unterrichtsfach im Hinblick auf das vorliegende Problem einzurichten sei.

 

Natürlich müssen wir uns als Schule der Aufgabe stellen, unsere Schülerinnen und Schüler auf das Leben dieser Gesellschaft vorzubereiten. Wir müssen aber auch akzeptieren, dass die Schule das nicht alleine leisten kann. Schon gar nicht können wir die Funktion gesellschaftlicher Reparaturbetriebe übernehmen.

Dass wir das dennoch tun und uns immer neuen Aufgaben stellen und sie auch in aller Regel so lösen, dass sie als weitgehend bewältigt anzusehen sind, schlägt nun immer wieder auf uns selbst zurück. Wir schaffen es offensichtlich, unsere Schülerinnen und Schüler trotz Schulzeitverkürzung zu erfolgreichen Abiturienten zu machen, wir schaffen es weitgehend, junge Menschen mit Lernbehinderungen in unseren Gymnasialalltag zu integrieren, wir schaffen es auch, Flüchtlingskinder soweit an unser Schulsystem heranzuführen, dass sie in Regelklassen der unterschiedlichen Schulform eingliederbar sind. Dabei scheint sich niemand dafür zu interessieren, welcher enorme Kraftaufwand nötig ist, um diese Aufgaben, die ja immer noch „oben drauf" kommen, zu bewältigen. Letztlich wird es bei dem nächsten gesellschaftlichen Problem, das dann wieder von den Schulen zu bewältigen sein wird, heißen, dass wir das doch auch noch schaffen werden, haben wir doch gezeigt, dass wir bisher jedes Problem irgendwie in den Griff bekommen haben. An dieser Stelle möchte ich ganz herzlich den vielen Schülerinnen und Schülern danken, die uns tatkräftig und aus freien Stücken dabei unterstützt haben, die Herausforderung von Inklusion und Auffangklassen anzunehmen. So haben sich spontan mehr als 20 Schülerinnen und Schüler der Oberstufe gemeldet, die bereit sind, denjenigen, die ohne Deutschkenntnisse an unserer Schule gekommen sind, dabei zu helfen, so schnell wie möglich unserer Sprache zu erlernen.

Was die arme Naina aus Köln angeht, so möchte ich ihr von dieser Stelle aus sagen (denn per Twitter geht es ja nicht mehr, da sie ihren Account abgemeldet hat), dass es immer Bereiche des alltäglichen Lebens geben wird, auf die wir als Schule nicht lehrplanmäßig vorbereiten können. Aber wer eine Gedichtanalyse in vier Sprachen verfassen kann und in der Lage ist, sich selbstständig im Internet und der Welt der sozialen Netzwerke zu bewegen, dem wird es ganz sicherlich ohne große Probleme gelingen, sich die Themenbereiche Mietzins, Steuern und Abschluss von Versicherungsverträgen selbstständig zu erarbeiten.

Dortmund, im Januar 2015

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