Schulleiterblog

Kommunikationsdruck

Die Jugend liebt heutzutage den Luxus. Sie hat schlechte Manieren, verachtet die Autorität, hat keinen Respekt vor den älteren Leuten und schwatzt, wo sie arbeiten sollte. Die jungen Leute stehen nicht mehr auf, wenn Ältere das Zimmer betreten. Sie widersprechen ihren Eltern, schwadronieren in der Gesellschaft, verschlingen bei Tisch die Süßspeisen, legen die Beine übereinander und tyrannisieren ihre Lehrer.

Diese knapp 2500 Jahre alte Klage des griechischen Philosophen Sokrates darf heute in keinem Traktat, in keiner Rede über unsere Jugend fehlen. Das Alter dieser Aussage hilft uns als Erzieher über so manchen Frust hinweg, den wir mit unseren Kindern und Jugendlichen erleben. Und unter diesem Aspekt erfährt diese Tröstung auch ihre Bedeutung, ermahnt sie uns doch zu Gelassenheit und Gleichmut im Umgang mit unseren Heranwachsenden.

Aus meiner Sicht wird die häufige Verwendung dieses Zitats aber dann problematisch, wenn dadurch verschleiert wird, dass die Jugendlichen heutzutage unter grundsätzlich veränderten Sozialisationsbedingungen heranwachsen. Die Jugendzeit, die heute erlebt und mitunter durchlitten wird, unterscheidet grundsätzlich sich von der Jugend, die wir vor 40 oder 50 Jahren selbst erlebt haben. Jugend heute ist im Hinblick auf viele Aspekte eben nicht die modernisierte Variante dessen, was wir als Erzieher damals an Erfahrungen gemacht haben.

Als der 2003 verstorbene amerikanische Kommunikationswissenschaftler Neil Postman zu Beginn der achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts sein Buch über das Verschwinden der Kindheit veröffentlichte, wurden seine Thesen zwar von einer bildungsbürgerlich orientierten Öffentlichkeit hier in Deutschland mit Interesse aufgenommen, aber mit dem Hinweis darauf, dass der Autor ja amerikanische Verhältnisse beschreibe, nicht wirklich folgenreich diskutiert. Postman hatte erkannt, dass die umfassende Verfügbarkeit von Informationen auch jenseits der Fähigkeit, z.B. wissenschaftliche Texte verstehen zu können, dazu führe, dass es in unserer Gesellschaft keine Geheimnisse mehr gebe. Er bezog sich bei seiner Analyse in erster Linie auf die Bedeutung des Fernsehens, zeichnete sich doch die Welt der digitalen Medien, wenn überhaupt, so doch erst sehr entfernt am Horizont ab.

Nun ist die Kindheit nicht verschwunden, sie verkürzt sich aber in dramatischer Weise und ragt viel früher, als noch zu meiner Zeit, in die Jugendphase hinein. Die Prozesse der körperlichen Reifung beschleunigen sich zunehmend. Besonders deutlich zeigt sich dieser Trend des früheren Eintretens in die Pubertät darin, dass das Durchschnittsalter bei Mädchen 1980 noch bei 12,5 im Jahr 2010 aber bereits bei 9,7 Jahren lag. Man kann also von einer rasanten Entwicklung sprechen, wobei allerdings die Entwicklung der eigenen Persönlichkeit, die in einem sehr engen Zusammenhang mit der Gewinnung von Lebenserfahrung steht, sich eher verlangsamt. Auch die Entwicklung des Gehirns kommt mit dieser Beschleunigung nicht mit, wobei sich diese missliche Situation dadurch noch verschärft, dass sich die einzelnen Gehirnregionen, wie wir heute wissen, zudem noch unterschiedlich schnell entwickeln. Der jugendliche Körper läuft also gewissermaßen seiner eigenen kindlichen Persönlichkeit immer schneller davon. Diese Entwicklungslücke, die immer schon das systematische Problem der Pubertät dargestellt hat, vergrößert sich nun in geradezu atemberaubender Weise und Geschwindigkeit.

Dieser Prozess trifft nun auf eine Situation, in der die digitalen Medien das Alltagsleben immer stärker bestimmen. Damit sind unsere Jugendlichen einem Druck ausgesetzt, den meine Altersgenossen und ich in dieser Weise nie erfahren haben. Wir hatten in unserer Jugend eher das Problem, unseren Eltern und Erziehern die Geheimnisse des Lebens und des Erwachsenwerdens Stück für Stück zu entreißen. Und da sie sich mitunter heftig gewehrt haben, war das auch nicht immer einfach. Einige von uns waren im Kampf um das begehrte Erwachsenenwissen zwar erfolgreicher als andere, aber fehlende sexuelle Erfahrung war eher die Regel als die Ausnahme. Der „Erfolgsdruck“ in dieser Anlegenheit war für einen 16-jährigen vor 45 Jahren äußerst gering.

Diese Situation stellt sich für heutige Jugendliche in Teilen vollständig anders dar. Die Geheimnisse, um die es für Jugendliche damals wie heute vorrangig geht, lassen sich heutzutage ohne jedes Problem im Internet lüften. Aber die reine Verfügbarkeit von Information führt nicht dazu, dass sie auch verarbeitet werden kann. Hinzu kommt, dass die Flut an verfügbaren Informationen auch für Erwachsene kaum noch zu bewältigen ist, was auf Kinder und Jugendliche in besonderer Weise zutrifft.

Die digitalen Medien und in ihrer Folge die sozialen Netzwerke erzeugen einen derartig großen Kommunikations- und Rechtfertigungsdruck, dass Jugendliche heutzutage dazu verurteilt sind, ständig verfügbar zu sein und sich in ihrem Handeln – gewissermaßen rund um die Uhr - bewerten lassen zu müssen. Wenn Postman vor über 30 Jahren feststellte, dass es in einer mediatisierten Welt keine gesellschaftlichen Geheimnisse mehr gebe, so müsste er heute darüber hinausgehend feststellen, dass es in einer digitalisierten Welt für den Einzelnen kaum mehr möglich ist, eigene Geheimnisse als Rückzugsort und Fluchtpunkt zu entwickeln und zu bewahren.

Wir als Erzieher sollten erkennen, dass wir unsere eigenen Kindheits- und Jugenderfahrungen nur sehr bedingt als Blaupause zur Beurteilung und zum Verstehen der uns anvertrauten Kinder und Jugendlichen nutzen können, denn sie werden in einer Welt groß, die zum Teil nicht mit der Welt zu vergleichen ist, die uns in unserer Entwicklung geprägt hat. Das erfordert von uns die Anerkenntnis, dass unsere Lösungs- und Erziehungsstrategien mitunter von falschen Voraussetzungen ausgehen. Für uns heißt das aus meiner Sicht, dass wir lernen müssen, sehr kritisch mit unserer eigenen Perspektive umzugehen.

Das erfordert einerseits große Toleranz. Andererseits dürfen wir aber keine Angst davor haben, etwas falsch zu machen. Es sollte heute die Aufgabe der Erzieher sein, einerseits unseren Kindern den verloren gegangenen Orientierungsrahmen wiederzugeben und Leitplanken zu setzen, andererseits aber auch sie von dem Kommunikations- und Rechtfertigungsdruck zumindest zeitweise zu befreien und sie zu ermutigen, ihre eigenen Geheimnisse zu haben und auch zu bewahren. Dass der Druck auf unsere Kinder nicht überhandnimmt, Rückzugsräume zur Verfügung stehen und der Kommunikationsdruck nicht rund um die Uhr herrscht, dafür müssen Elternhaus und Schule eng und vertrauensvoll zusammenarbeiten.

Wenn wir von Lehrerseite aus versuchen, den Druck der sozialen Netzwerke zumindest für die Zeit des täglichen Schulbesuchs zu minimieren, dann wäre es von Elternseite aus vielleicht keine so schlechte Idee, auch im häuslichen Bereich dafür zu sorgen, dass die eigenen Kinder zumindest während der Nachtruhe Gelegenheit haben, sich aus der digitalen Welt zurückzuziehen. Dass die allabendliche Übergabe von Smartphone, Tablet, Spielkonsole und Computer in die elterliche Obhut nicht immer konfliktfrei verläuft, davon ist auszugehen. Vielleicht ist es aber gar nicht schlecht, unsere Kinder ab und zu zu ihrem Glück zu zwingen.

Detlef v. Elsenau
Dortmund im Januar 2015

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