Schulleiterblog

Nachhaltigkeit des Lernens

Der Begriff der Nachhaltigkeit erfährt heutzutage eine regelrechte Inflation. Was vor 300 Jahren von dem Freiberger Oberberghauptmann Hans Carl von Carlowitz auf die Waldwirtschaft angewendet wurde, findet sich heute in fast allen Bereichen gesellschaftlichen und politischen Handelns wieder. Die Idee, dass in einem Wald nur so viel abgeholzt werden dürfe, wie sich in absehbarer Zeit auf natürliche Weise regenerieren lasse, scheint in ihrer Einfachheit so bestechend zu sein, dass man sie auch auf andere Handlungsfelder anwenden möchte.

Nun ist nicht jede Verwendung inflationäre Art gleichbedeutend mit der Unbrauchbarkeit des entsprechenden Begriffes. Gerade für den Bereich pädagogischen Handelns lohnt es sich, den Inhalt dieses Begriffes näher zu betrachten und für die Brauchbarkeit im Sinne eines Handelsleitfadens zu überprüfen.

Angesichts der großen Fülle von Definitionsansätzen scheint es zunächst sinnvoll, die Grundaussage der Forderung nach Nachhaltigkeit zu klären. Hier muss besonders der systemische Aspekt nachhaltigen Handelns betont werden. So schreibt Peter Carnau 2011 in seiner Nachhaltigkeitsethik, dass es bei nachhaltigem Handeln darum gehe, das zu bestimmen, was auch in Zukunft Bestand haben solle sowie um die Verknüpfung der hierbei einzubeziehenden zeitlichen und räumlichen Ebenen. Vor diesem Hintergrund definiert er die Grundidee auf der einfachen Einsicht, dass ein System dann nachhaltig sei, wenn es selber überlebe und langfristig Bestand habe.

Beziehen wir diese Überlegungen auf schulisches Lernen, so geraten alle Systembestandteile in den Blick. Es geht also nicht nur um die Schüler, deren Einstellung zum Lernen und ihren Lernerfolg, sondern auch um die räumlichen Bedingungen des Lernens sowie die Lehrenden selbst. D.h., dass das System nur dann stabil bleiben wird, wenn auch die Lehrenden den Sinn ihres Handelns einsehen. Dieser Abhängigkeit von schulischer Leistungsfähigkeit der Schüler und der Leistungsbereitschaft der Lehrer wird aus meiner Sicht zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt.

Wenn Lehrer das Gefühl haben - und hierfür tagtägliche Bestätigung finden -, dass unterrichtliches  Handeln und unterrichtliches Engagement nahezu bedeutungslos sind für den Wissenserwerb der ihnen anvertrauten Schülerinnen und Schüler, dann wird dieses System auf Dauer seinen gesellschaftlichen Auftrag nicht mehr erfüllen können.

Schaut man sich die von den verschiedenen Autoren verfassten Kriterienkataloge nachhaltigen Lernens bzw. guten Unterrichts an, so stellt man fest, dass sie zwar im Detail variieren, aber zentrale Kriterien immer wieder auftauchen:

Nachhaltigkeit wird in engem Zusammenhang gesehen mit Trainieren, Systematisieren, Bewusstmachen von Erlerntem. 

Vor dem Hintergrund der allgegenwärtigen Verfügbarkeit digitaler Medien schwindet die Wertschätzung individuellen Wissens. Denn das, was man wissen will, kann ohne großen Aufwand und in Echtzeit erfahren. Es scheint auf den ersten Blick keinen Sinn mehr zu machen, sich mit dem Ziel des Wissenserwerbs individuell anzustrengen. Unsere Schülerinnen und Schüler lernen - so scheint es – nur noch für die Schule, weil die Einsicht – und scheinbare Notwendigkeit -, dass man in der Schule für das Leben lernen müsse, zunehmend verloren geht.

Nun haben unsere populären und TV-bekannten Gehirnphysiologen, Mediziner und Philosophen den Schuldigen hierfür ja bereites identifiziert. Es sei die Schule, die die Schülerinnen und Schüler nicht nur zur falschen Tageszeit, sondern darüber hinaus mit völlig ungeeigneten Lehrmethoden um den unverzichtbaren Spaß am Lernen bringe.

Die Erinnerung an meine eigene Schulzeit mag ja verblassen, aber eines weiß ich noch ganz genau: Spaß an meinen Hausaufgaben, Spaß beim Lernen von Vorkabeln und Formeln, Spaß am Büffeln habe ich nur in ganz seltenen Momenten erlebt. Aber ich habe großen Spaß an meinen Lernerfolgen gehabt. Aus meiner Sicht geht es mit Blick auf Nachhaltigkeit von Lernen in erster Linie nicht darum, Spaß am Lernen zu haben, sondern vielmehr Spaß am Wissen.

Diesen Spaß am eigenen Wissen zu fördern, verlangt von uns Lehrern, Wege zu finden, schulisches Lernen wieder nachhaltig werden zu lassen. Wir am HHG haben diesen Auftrag verstanden und werden uns in der kommenden pädagogischen Konferenz gezielt mit diesem Thema befassen, um entsprechende Lösungsstrategien zu erarbeiten. Dabei wird es zunächst darum gehen müssen, unseren Schülerinnen und Schülern die Erkenntnis zu erleichtern, dass sie nicht nur für eine Arbeit oder eine Klausur lernen und das erworbene Wissen danach keine Bedeutung mehr hat. In einem ersten Schritt hieße das, schulalltagstaugliche Methoden zu finden, um zumindest das Basiswissen, das im Laufe der Jahre erworben wurde, immer wieder zu trainieren und bewusst zu machen. In Zusammenarbeit mit den Schüler- und Elterngremien unserer Schule werden wir auch diese Aufgabe lösen.

Detlef v. Elsenau

Im September 2015

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